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Kammerkonzert der Extraklasse im Theater am Marientor

Sabine Merkelt-Rahm

Ein Abend der Extraklasse war im 3. Kammerkonzert der Saison im Theater am Marientor zu erleben. Das Quatuor Diotima und Klarinettist Jörg Widmann boten sowohl eine klug durchdachte Kombination der Werke wie Interpretationen auf höchstem Niveau.
 
Klarinettist und Komponist Jörg Widmann konzertierte bereits im Mai 2001 in Duisburg. Damals gab er ein Solokonzert in der Galerie Hellebrand am Innenhafen. Mittlerweile ist Widmann ein Superstar der Neuen Musik und hat zwei Opern im Auftrag der Bayerischen Staatsoper geschrieben. Im Kammerkonzert kann er sich nun erneut in beiden Professionen zeigen.
 
Sein Streichquartett Nr. 4 aus dem Jahr 2003 löst bei einigen Konzertbesuchern Kopfschütteln und Ratlosigkeit aus, schließlich erweitert Widmann die Ausdrucksmöglichkeiten des Genre um Atemgeräusche, in die Luft geschlagene oder am Corpus gestrichene Bögen. Gleichzeitig benutzt er aber auch barocke Akkordfolgen und die traditionelle Form einer Passacaglia.
 
Wenn man sich auf diese Musik einlässt, entdeckt man wie viel Schönheit in ihr steckt, die immer wieder durch die Spieltechniken hinterfragt wird. Das Quatuor Diotima spielt das Widmann Streichquartett mit großer Konzentration und Ernsthaftigkeit, die Teile des Publikums, die dieser Musik auch den Beifall verweigern, nicht aufbringen.
 
Quasi als Prolog ist Widmann das Streichquartett C-Dur D 32 von Franz Schubert vorangestellt worden. Das Stück des 15-jährigen Komponisten aus dem Jahr 1812 klingt überraschend reif und setzt schon Maßstäbe für das spätere Werk des Komponisten. Das Quatuor Diotima verfeinert Schuberts Musik wie mit einem Goldpinsel. Die Stimmen tönen brillant und die Bandbreite des Ausdrucks, die Schubert vorgibt, wird weit ausgekostet.


Perfekte Mischung der Farben

Nach der Pause reiht sich Jörg Widmann in das Ensemble ein und gemeinsam musiziert man das Quintett für Klarinette und Streichquartett h-Moll op., 115 von Johannes Brahms. Widmann drängt sich hier gar nicht in den Vordergrund, sondern spielt fein abgestimmt mit den Streichern, tritt sogar oft in die zweite Reihe zurück. Die Aufführung besticht durch die perfekte Mischung der Farben. Das Adagio badet geradezu in Schönheit und die fünf Musiker lassen die Musik in einem Idyll von himmlischer Schönheit immer wieder dezent leuchten. Der Beifall für die fünf exzellenten Musiker ist lag anhaltend und von vielen Bravorufen durchsetzt.




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Das Quatuor Diotima spielt bei den Kasseler Musiktagen in fünf Konzerten Spitzenwerke von Beethoven, Schönberg und Boulez


Die Summe der Gattung Streichquartett

Von Werner Fritsch

02.11.15 – 17:20

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Kassel. Der Vergleich mit einem Langstreckenlauf ist nicht weit hergeholt: Eine große Anstrengung, die aber durch die heftige Ausschüttung von Glückshormonen zu einem großen Erlebnis wird. Fünf Konzerte in fünf Tagen gibt das französische Quatuor Diotima derzeit bei den Kasseler Musiktagen. Ein Langstreckenlauf nicht nur für die vier Musiker, sondern auch für das – mittlerweile euphorisierte – Publikum.

 

Die Besonderheit dabei: Der Lauf führt nicht durch bequeme Ebenen des musikalischen Repertoires, sondern in hohe, teils wenig erschlossene Regionen. Die fünf späten Streichquartette von Ludwig van Beethoven (ab dem Es-Dur-Quartett op. 127) werden konfrontiert mit den vier autorisierten Streichquartetten Arnold Schönbergs und dem 1948 begonnenen, vielfach umgearbeiteten Streichquartettwerk von Pierre Boulez, „Livre pour Quatuor“. DIE REIHE
 
Wenn der künstlerische Leiter der Kasseler Musiktage, Dieter Rexroth, in seinem zehnten und letzten Jahr ein Fazit der Streichquartettreihen der vergangenen Jahre ziehen wollte, so hätte er kein besseres Programm wählen können, denn die gespielten Werke führen an die Grenze dessen, was für diese Musikgattung kompoponiert wurde: Beethoven, der die Möglichkeiten des Streichquartetts im klassischen Rahmen voll ausschöpfte. Dann Schönberg, der mit dem Streichquartett den Übergang von der Dur-Moll-Tonalität in die freie Atonalität und Zwölftönigkeit vollzog, und Boulez, der die Musik komplett in die Parameter Tonhöhe, Tondauer, Rhythmus und Dynamik aufspaltete und daraus eine Musik von beispielloser struktureller Reinheit komponierte. DIE INTERPRETEN
 
Seit fast 20 Jahren besteht das Quatuor Diotima mit Sitz in Paris und hat sich als Spitzenquartett speziell für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts etabliert. Erst in diesem Jahr wurde die Position der zweiten Geige mit Constanze Ronzatti neu besetzt. DIE KONZERTE
 
Nach drei Konzerten und mehr als sechs Stunden Musik ist die Begeisterung beim Publikum im Kasseler Ständesaal groß: Die herausragende spielerische Präzision des Quatuor Diotima verbindet sich mit einer Gänsehaut erzeugenden Emphase, aber auch mit einer wunderbaren Diskretion in den leisen, verinnerlichten Sätzen.
 
Welche Stücke soll man herausheben? Vielleicht die Schönberg-Quartette Nr. eins und zwei, die Fülle des Ausdrucks im ersten, der spannende musikalische Aufbruch in die Moderne im zweiten – mit dem sensationell intensiven Sopransolo von Sarah Maria Sun „Ich fühle Luft von anderem Planeten“.
 
Von Beethoven sind (als Extreme) die grandios dicht gespielte Große Fuge B-Dur op. 133 und die atmende Ruhe des Adagios (6. Satz) aus dem cis-Moll- Quartett op. 131 zu nennen, von Boulez der Satz III a, der gläserne Klarheit mit Klangsinnlichkeit verbindet.
 
Heute, 20 Uhr, Ständesaal Kassel: 5. Konzert, Beethoven op. 135 und Essay von Dieter Rexroth.